DEUTSCH
Philautia bedeutet Selbsterkenntnis und Liebe zu sich selbst. Sie setzt die Versöhnung dessen, was man ist, mit der eigenen Existenz voraus — und sie zu praktizieren heißt, das Selbstmitleid hinter sich zu lassen. Doch das Selbst, mit dem hier Frieden geschlossen wird, ist keine feste Größe, die man nur freizulegen hätte. Es ist ein Werden.
*Self-Identity* ist ein mehrphasiges Projekt; dies ist sein erster Akt. Hollstein entblößt sich, um die Entwicklung seiner Selbstliebe sichtbar zu machen, und kanalisiert seine persönliche Entwicklung in einem Moment existenzieller Krise durch Bilder — Erforschung und Selbstbehauptung zugleich. Im Kern steht die Versöhnung zweier widerstreitender Identitäten, unveräußerlich und einander ergänzend: nicht zwei Hälften, die zu einer verschmelzen, sondern eine Falte, in der das Selbst sich gegen sich selbst legt. In dieser Falte ringt die Philautia darum, sich durchzusetzen.
Der entscheidende Schnitt war ein Name. Den alten abzulegen hieß, ein aufgezwungenes Selbst zu deterritorialisieren — ein Territorium zu verlassen, das einem zugewiesen, nicht gewählt war.
„Die Suche nach meiner eigenen Identität beschäftigt mich seit langem, und nun ist die Zeit gekommen, diesen Prozess fotografisch zu dokumentieren und festzuhalten. 2011 nahm ich meinen Künstlernamen an. Es war kein leichter Schritt. Er war das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Wesentlichen meiner Identität und meinem eigenen Selbst. Die Person, die der alte Name abbildete, war nicht mehr wirklich ich — es war ein aufgezwungenes Selbst. Als mir das bewusst wurde, ein Prozess, der lange dauerte, begriff ich schließlich, dass ich mein authentisches Ich finden wollte. Nach vielen Jahren, in denen ich mich auf äußere Identitäten konzentriert hatte, begann ich – dem Bedürfnis folgend, die aus meiner Suche erwachsenen Fragen zu beantworten – eine Reihe fotografischer Selbstexperimente, um zum Kern all dieser Fragen vorzudringen und eine Antwort zu finden."
Diese Selbstexperimente sind das Verfahren der Arbeit, und sie sind konstruktivistisch im strengen Sinn. Der entblößte Körper wird nicht abgebildet, er wird gesetzt — als Material, als Argument. Das Selbstporträt deckt kein verborgenes Wesen auf, das immer schon da gewesen wäre; es konstruiert die Bedingungen, unter denen ein Selbst überhaupt werden kann. Nicht Fund, sondern Setzung.
So ist „das authentische Ich" am Ende kein Ursprung, zu dem man zurückkehrt, sondern eine Differenz, die man hervorbringt. Der erste Akt dokumentiert nicht das Ergebnis einer Suche, sondern ihren Vollzug — den Moment, in dem die Versöhnung mit der eigenen Existenz nicht behauptet, sondern konstruiert wird. Philautia ist kein Zustand. Sie ist ein Werden.
ENGLISH
Philautia means self-recognition and love towards oneself. It presupposes the reconciliation of what one is with one's own existence — and to practise it means to leave self-pity behind. Yet the self with which peace is made here is no fixed quantity, something one would merely have to lay bare. It is a becoming.
*Self-Identity* is a project in several phases; this is its first act. Hollstein bares himself in order to make the development of his self-love visible, channelling his personal evolution, in a moment of existential crisis, through images — at once enquiry and self-affirmation. At its core stands the reconciliation of two conflicting identities, inalienable and complementary: not two halves that merge into one, but a fold, in which the self lays itself against itself. In this fold, philautia struggles to prevail.
The decisive cut was a name. To shed the old one meant to deterritorialise an imposed self — to leave a territory that had been assigned, not chosen.
„The search for my own identity has occupied me for a long time, and the time has now come to document and hold fast to this process photographically. In 2011 I took on my artist's name. It was not an easy step. It was the result of an intensive confrontation with the essence of my own identity and my own self. The person the old name depicted was no longer really me — it was an imposed self. Once I became aware of this, a process that took a long time, I finally understood that I wanted to find my authentic self. After many years in which I had concentrated on external identities, I began — following the need to answer the questions that had arisen from my search — a series of photographic self-experiments, in order to penetrate to the core of all these questions and to find an answer."
These self-experiments are the method of the work, and they are constructivist in the strict sense. The bared body is not depicted, it is posited — as material, as argument. The self-portrait uncovers no hidden essence that had always already been there; it constructs the conditions under which a self can become at all. Not discovery, but positing.
Thus "the authentic self" is, in the end, no origin to which one returns, but a difference one brings forth. The first act documents not the result of a search, but its enactment — the moment in which reconciliation with one's own existence is not asserted but constructed. Philautia is not a state. It is a becoming.